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Sich ein Urteil bilden ohne zu verurteilen?

Ein wertfreier Raum, eine gute Analyse, Sparringpartner sein ohne Vorurteil, die Erwartungen an ein Coaching sind hoch.

Schon als Kind habe ich es bewundert, wenn ich gehört habe, dass es Menschen gibt, die nie verurteilt haben, sogar Mörder werden z.B. in der christlichen Religion akzeptiert. In allen Ausbildungen, die man als Coach durchläuft, zumindest, wenn Sie pädagogisch-psychologisch sind, lernt man die Theorie des Nicht-Urteilens oder des Wertfreien Raumes. Wie kann man urteilen ohne zu verurteilen und wie kann man spiegeln, was richtig sein könnte für den Kunden, ohne eigene Maßstäbe anzusetzen?

Im Grunde kann man es nicht. Man denkt, fühlt und handelt auf der Basis der eigenen Motive, der eigenen Erfahrungen und der verdrängten Anteile.

Im Grunde gibt es wie immer nur ein Weg aus dem Dilemma. An sich selbst üben und praktizieren. Sich selbst betrachten, die eigene Geschichte, die eigenen Eltern, Chefs, Erfahrungen und tatsächlich nicht zu verurteilen, sondern verstehen lernen. Diese maximale Toleranz und Akzeptanz von allem, was einen begegnet heißt nicht, die eigene Meinung abzugeben. Es ist eher die Einstellung, das was ist, das Gegebene in seiner Komplexität, als richtig im Sinne von real zu akzeptieren. Zu sagen, dieses oder jenes entspricht nicht meinem Ideal, also darf es eigentlich nicht sein, entspricht nicht der Realität.

Es ist und darf scheinbar sein, sonst wäre es nicht. Und erst wenn ich das Dasein akzeptiere, und es dann noch versuche zu verstehen ohne einfach eine Schublade zu öffnen, kann Veränderung stattfinden.

Ein Bild zur Realitätssicht: Ich komme nur nach München, wenn ich mir eingestehe in Köln zu sein. Solange ich so tue, als wäre ich in Dresden, werde ich das Ziel nicht finden. Nicht umsonst können Opfer niemals behandelt werden, wenn wir nicht auch die Täter verstehen, wahrnehmen und uns mit ihnen auf einer erst mal wertfreien Ebene auseinandersetzen.

Wie funktioniert das denn, dieses nicht verurteilen? Fragen stellen. Ob Sie einen Hooligan, eine Studentin, einen Alkoholkranken Menschen, Kleingärtner, Psychotische Personen, Auszubildende oder Geschäftsführer begleiten und interviewen. Fragen Sie. Und verstehen Sie. Verstehen Sie all die Stimmen im Gegenüber, verstehen Sie welche Widersprüche, Bedürfnisse, Ängste und Motive diesen Menschen leiten. Und lassen Sie sich nicht allzu schnell von einer der Strömungen verführen die Schublade aufzumachen. Es ist so einfach das zu glauben, was wir gerne glauben oder aber auch das, was uns eine Strömung des Gegenübers glauben lassen möchte.

Gerade als Coach ist es der Job es sich nicht zu einfach zu machen, was nicht heißt, dass man stundenlange Gespräche führen muss. Hierbei geht es eher um eine Grundhaltung. Wenn man diesem Zwiebelschalenprinzip treu bleibt bis man zur Mitte des Menschen gelangt, so öffnet sich dessen Wahrheit von selbst. Es ist viel schwieriger die Unwahrheit zu unterdrücken, Lügen fressen in der Dunkelheit viel Energie. Die persönliche Wahrheit des Menschen kommt an das Licht, wenn man nicht wieder eine enge Schublade aufmacht. Die Wahrheit kann sozusagen gar nicht anders als sich kommunizieren und lässt sich nur durch viel Anstrengung zurückhalten.

Praktisches Beispiel: Ein Manager sagt, dass er seine neue Stelle antritt und um gut zu performen 2000 Mitarbeiter entlassen muss. Er möchte eine Strategie überlegen, dieses möglichst reibungslos durchzusetzen. Vielleicht haben Sie zu dem Thema keine Meinung, vielleicht finden Sie die Kündigungen schlimm, weil solche Interventionen auch Ihren Familienkreis schlimm betroffen haben. Vielleicht hat Ihnen aber auch früher genau solch eine Kündigung den Weg geebnet endlich die Selbständigkeit zu wagen. So oder so werden Sie eine Position zu dem Thema haben. Nun gilt es trotzdem Fragen zu stellen, bis die Entscheidung des Managers stimmig ist, bis er sozusagen in seiner Mitte ist. Sie fragen, bis er versteht und sie verstehen. Hören Sie nicht auf, bevor er selbst seine Konflikte versteht oder scheinbar unwichtige Gefühle und Gedanken wegwischt. Das ist der ganze Job. Ihre Wahrnehmung konzentriert zur Verfügung stellen, alles wahrnehmen was da ist, ohne zu vorschnellen Lösungen oder Urteilen zu kommen. Bis sich ein Gefühl von innerer Freiheit und Leichtigkeit bei Ihrem Gegenüber einstellt.

Nach dem Motto: Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt. Goethe